Immer tiefer tauche ich in die Thematik der Entwicklungstraumata ein und dabei vergrössert sich meine Überzeugung von Tag zu Tag, dass genau dort der Ursprung unseres Glücks und auch unseres Leides liegt. Wir sind soziale Wesen und deshalb besteht unser ganzes Leben aus Bindungen: zu Menschen, wie auch zur Gesundheit, Geld und Job. Schaue deine erste Bindung an und finde dort die Quelle für deine Anliegen.
Wir Menschen sind immer auf der Suche nach der EINEN Lösung für unsere Anliegen bzw. Probleme, die wir in unserem Leben haben. Als Sexual- und Paartherapeutin liegt es mir sehr am Herzen, dass meine Klient:innen die Lösung für ihre Anliegen finden. Und als Mensch und als Partnerin liegt es mir auch am Herzen, die Lösung für meine Probleme und die Herausforderungen in meiner Partnerschaft zu finden. Ich weiss nicht, ob es die EINE Lösung gibt oder ob das eine lebenslange Suche bleiben wird. Vermutlich ist es Zweiteres.
Wie auch immer, aktuell bin ich sehr davon überzeugt, dass wir alle unsere erste Bindungserfahrung anschauen sollten, denn da liegt sehr viel Heilung verborgen. Es kann sogar sein, dass alles andere nur Symptome sind und nicht an diesen, sondern eben an der Quelle (Entwicklungstrauma) gearbeitet werden muss. Ja, das heisst, dass wir nicht an der Lustlosigkeit oder an den Erektionsstörungen arbeiten sollten, sondern an der Verletzung, die darunter liegt. Viele Menschen mögen das nicht, weil es kompliziert klingt oder sie unbewusst spüren, dass das ein längerer und vor allem auch unangenehmer Weg werden könnte. Und dennoch lohnt es sich sehr, diesen zu gehen. Ich bin seit vielen Jahren darauf unterwegs und habe es noch keinen Tag bereut, trotz schmerzhafter Erfahrungen. Übrigens: Ich dachte auch immer, dass ich die perfekte Kindheit hatte und musste dann aber mit den Jahren feststellen, dass ich trotzdem viele Verletzungen erfahren habe.
"Die Beziehungsfähigkeit der Menschen, insbesondere in den westlichen Industrienationen, war wohl noch nie so gering ausgeprägt wie heute. Entsprechend gross ist das Leiden." Das ist ein Satz aus dem Buch von Gopal Norbert Klein. Er und auch andere Experten sind der Meinung, dass wir als Gesellschaft traumatisiert sind und somit jede und jeder von uns. In unterschiedlich starken Graden. Konkret geht es um die Entwicklungstraumata. Bedeutet in meinen Worten: Als Baby warst du komplett abhängig von deinen Bezugspersonen (Mutter, Vater ...). Wenn sie deine Bedürfnisse nicht erfüllt hätten, wärest du gestorben. Nun ist es so, dass die meisten Eltern versuchen, ihr Bestes zu geben und dennoch kommt es zu Traumatisierungen. Das ist wissenschaftlich belegt. Wenn z.B. Eltern ihr Kind zu lange schreien lassen, dann ist diese Erfahrung mit grosser Wahrscheinlichkeit traumatisierend für das Baby. Das Nervensystem des Babys denkt, dass es sterben muss, wenn es jetzt nicht etwas zu essen bekommt. Nicht in einer Stunde, sondern genau jetzt.
Erfahrungen aus deiner Kindheit begleiten dich ein Leben lang
Diese Erfahrungen prägen sich tief, tief, tief in unser Nervensystem ein und beeinflussen unsere Haltung zum Thema Nähe zu anderen Menschen. Wenn wir z.B. die Erfahrung gemacht haben, dass wir nur Liebe bekommen, wenn wir genau das tun, was unsere Eltern wollen, dann werde ich auch als Erwachsener Beziehungen so gestalten. Ich bin es gewohnt, meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und stattdessen zu kucken, was ich tun kann, damit ich Liebe bekomme. Oder du machst als Baby und Kleinkind die Erfahrung, dass Nähe Grenzüberschreitungen zur Folge hat. Dass deine Eltern unangemeldet in dein Zimmer geplatzt sind, dass du umarmt wurdest, obwohl du das nicht wolltest, dass du berührt wurdest, obwohl du das nicht wolltest. Und dabei muss es noch gar nicht um sexuelle Grenzübergriffe gehen. Es geht nur darum, dass deine Eltern oder andere Bezugspersonen deinen eigenen Raum nicht respektiert haben bzw. dir gar keinen solchen gewährt haben. Auch diese Erfahrungen begleiten dich anschliessend durchs Leben. Du wirst Mühe haben, nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Ich vereinfache diese Zusammenhänge stark, aber grundsätzlich geht es darum.
Was hat dies nun z.B. mit Lustlosigkeit und Erektionsproblemen zu tun?
Wenn du die Erfahrung gemacht hast, dass deine Bedürfnisse nicht wichtig sind und deine Grenzen nicht respektiert wurden, dann denkt dein Nervensystem, dass Nähe = Grenzüberschreitungen ist. Mit Lustlosigkeit und auch mit Erektionststörungen stellst du Distanz zu deinem Partner:in her, weil die Nähe bedrohlich ist. Das läuft unbewusst ab. Ev. spürst du es körperlich, wenn dein Körper erstarrt, wenn dein Partner:in sich dir nähern will oder du die Erektion verlierst. Das verwirrt komplett, weil es sich ja um den Lieblingsmenschen handelt. Aber genau dies hat dein Nervensystem gelernt: die Menschen, die dir am nächsten stehen, respektieren deine Grenzen nicht, also musst du Distanz herstellen.
Was ist die Lösung?
Ehrliches Mitteilen. Also, dass du sagst, was gerade in dir geschieht. KNACKNUSS: genau das tun wir nicht, weil wir Angst haben. Ich mag Liebesfilme und drehe jeweils fast durch, wenn Menschen einander nicht die Wahrheit sagen und damit ganz viel Unheil anrichten. Stell dir die Frage, vor was du Angst hast. Hast du Angst, dass der andere Mensch weggeht und dich verlässt oder dass er dich angreift (auch wenn dies unlogisch wirkt), wenn du ihm/ihr die Wahrheit sagst. Oder vielleicht bist du dir gar noch nicht im Klaren, vor was du Angst hast. Das kann gut sein, weil es noch tief in dir bzw. in deinem Nervensystem verborgen liegt.
Mein Mann Andreas und ich beschäftigen uns intensiv mit dem Ehrlichen Mitteilen. Es geht dabei nicht nur um die Technik nach Gopal, sondern vielmehr darum, sich authentisch mit allem zu zeigen und dies auch zu kommunizieren (gewaltfrei und ohne Identifikation). Dabei geht es in den allermeisten Fällen um die Gefühle Wut/Hass und Trauer/Einsamkeit, die nicht kommuniziert werden. Jeweils abhängig davon, was wir in unserer Kindheit nicht ausleben konnten.
Bei mir ist es beispielsweise so, dass ich immer die Starke sein musste und ich eher wenig Körpernähe erlebt habe, vor allem von meiner Mutter. Bedeutet, dass ich heute lernen darf, meine Gefühle von Trauer, Einsamkeit, Bedürftigkeit zu kommunizieren, anstatt meinen Mann verbal mit Vorwürfen anzugreifen, wenn es sich für mich so anfühlt, als ob ich immer alles alleine tun müsste. Unter meiner Wut, die ich verbal ausagiere, verstecken sich die anderen Gefühle, die in meiner Kindheit keinen Platz hatten und ich somit abgespalten habe. Wenn ich diese ehrlich mitteile, was sich für mein Ego wie der Tod anfühlt, dann bringt das sehr grosse Erleichterung in die Partnerschaft und stärkt die Verbindung.
Aufgabe für dich/euch:
Kuckt mal, was es bei euch ist? Wer von euch kann welches Gefühl nicht kommunizieren? Und was denkt dein Kopf (Angst), was geschieht, wenn du es trotzdem tust?
Bücher, die mich aktuell sehr inspirieren:
- von Stephen Porges zum Thema Polyvagaltheorie: Website Stephen Porges
- von Laurence Heller zum Thema NARM: Website Laurence Heller
- Der Vagusschlüssel zur Traumaheilung von Gopal Norbert Klein: Website Gopal Norbert
Klein
Vorwarnung: Gopal hat ein sehr grosses Triggerpotenzial!!! Versuche es trotzdem ...
Bin gespannt, was du erzählst ...
Du willst mehr wissen oder ihr wollt das lernen, dann meldet euch.
Herzlich, Sandra